Terminplan    Kontakt         Lehrer   Eltern

Papa, der Bundesausmister hat angerufen!“


Der ehemalige deutsche Botschafter in Prag, Hermann Huber, berichtete am ITG von den dramatischen Ereignissen 1968 und im Herbst 1989 in Prag


Was ist Diplomatie? Und wie wird man überhaupt Botschafter? Was für ein Leben hat ein Botschafter?


Am 07. Februar 2011 besuchte Hermann Huber, ehemaliger deutscher Botschafter in Prag, zusammen mit seiner Frau, das Ignaz-Taschner-Gymnasium Dachau, um den Schülerinnen und Schülern der 12. Jahrgangsstufe von seinem beruflichen Werdegang und seinen vielfältigen diplomatischen Erfahrungen zu berichten. Ein außergewöhnlicher und aufschlussreicher Vortrag eines Zeitzeugen, der unendlich viel zu erzählen hatte.

Stille herrschte im Mehrzweckraum des ITGs, als der 80-jährige zu erzählen begann. Humorvoll gestaltete er seinen Vortrag mithilfe von zahlreichen Anekdoten aus seinem Leben.

Hermann Huber ging in Traunstein zur Schule, fast zeitlich mit einem „Mitschüler, der später Papst wurde“. Nach dem Abitur wollte Huber eigentlich Medizin studieren, aber entschloss sich in Lausanne Jura zu studieren. 1951 meldete er sich für die Ausbildung im Auswärtigen Amt an und gehörte dann zu den 21 glücklichen Bewerbern, die unter 1200 anderen Mitkonkurrenten ausgewählt wurden, übrigens zusammen mit Claus von Amsberg, dem späteren Gemahl der Königin der Niederlande, Beatrix. 1955 trat er seinen Dienst als Referendar im AA an. Zuvor schloss er noch sein Jurastudium in Lausanne ab, mit tatkräftiger Hilfe seiner späteren Frau Jacqueline, einer Französin, die seine Abschlussarbeit nicht nur Korrektur las, sondern auch inhaltlich kommentierte. Die Hochzeitsreise verbrachten sie im D-Zug nach Rom, wohin Huber zunächst versetzt wurde. Es folgten viele weitere Stationen, zum Beispiel in Leopoldville (Kongo) und immer wieder in Bonn. Der fünfjährige Aufenthalt im Kongo war sehr abenteuerlich, zumal er immer wieder die Flaggen an seinem Auto ändern musste: die deutsche wurde im Kongo mit der ungeliebten belgischen Flagge verwechselt, die bayerische mit dem Blau-Weiß der Vereinten Nationen, die dem Land ebenfalls keinen Frieden brachten. 1968 bekam Huber das Angebot, mit seinem damaligen Chef nach Prag zu gehen. Demzufolge erlebte er dort den Prager Frühling, den Einmarsch sowjetischer Truppen und die aufrollenden Panzer auf dem Wenzelplatz. Das Auswärtige Amt in Bonn war natürlich um seine Mitarbeiter in Prag besorgt und rief in den Räumen Hubers an. Am Telefon war jedoch nur seine fünfjährige Tochter Kathrin, die ihrem Vater aufgeregt berichtete: „Papa, Papa, der Bundesausmister hat angerufen!“ Was die Schüler auch amüsierte, war die Tatsache, dass Frau Huber von Zeit zu Zeit einen Kommentar einwarf, manchmal zur Richtigstellung, manchmal zur Ergänzung des Gesagten. Nach vielen weiteren Versetzungen, von Bonn über Mexiko nach Moskau, wurde Hermann Huber schließlich im Jahre 1988 wieder nach Prag berufen, diesmal aber als Botschafter. Dort angekommen, wurde er sogleich mit dem dort vorherrschenden Flüchtlingsproblem konfrontiert. Wenig bekannt ist die Tatsache, dass die Tochter von Willi Stoph schon 1988 mit ihrer Familie über die Prager Botschaft in den Westen ausreisen konnte.

Auch im Spätsommer und im Herbst 1989versuchten zahlreiche DDR-Bürger über die westdeutsche Botschaft in Prag ihre Ausreise zu erzwingen. Die Zahl der Flüchtlinge stieg stetig an, weil sich diese Fluchtmöglichkeit unter der DDR-Bevölkerung herumgesprochen hatte. Somit waren es Anfang September 1989 zwischen 600 und 800 Flüchtlinge, die auf dem Gelände der Botschaft auf der Prager Kleinseite kampierten. Hermann Huber erzählte, dass „Waschkörbe voller Pässe“ von den Frauen der Diplomaten ausgestellt werden mussten, Zelte aufgeschlagen, Stockbetten eingerichtet und Schulzelte errichtet werden mussten. Sogar Schultüten für die Schulanfänger wurden von seiner Frau besorgt. Auch in der Botschaft selbst hatten die Flüchtlinge ihr Lager aufgeschlagen, teils in Büros, teils auf Treppen, sodass der tägliche Weg in sein Büro für Hermann Huber jedes Mal eine Herausforderung darstellte. Die sanitären Bedingungen in der Botschaft spitzten sich im Laufe des Monats zu. Zeitweise hielten sich 4000 Flüchtlinge gleichzeitig auf dem Gelände auf. Die tschechische Miliz kontrollierte vor der Botschaft die DDR-Bürger zwar, griff aber nicht ein.


Am 30. September 1989 dann wurde angekündigt, dass sich Bundesaußenminister Genscher im Flugzeug nach Prag befinde. Glücklicherweise konnte Huber die tschechoslowakische Flugabwehr davon überzeugen, „dass es nicht gut wäre, den Genscher abzuschießen“. So konnte Hans-Dietrich Genscher dann auf dem Balkon des Palais Lobkowicz seine berühmte Ansprache halten: „Liebe Landsleute, wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise….“ – der Rest ging im unbeschreiblichen Jubel der Flüchtlinge unter. Etwas ernüchtert wurden sie allerdings, als sie erfuhren, dass die Reise in die Bundesrepublik über DDR-Gebiet erfolgen müsse. Westdeutsche Politiker begleiteten die DDR-Bürger in den Sonderzügen, sodass sie heil in Hof ankommen konnten.

„Obwohl die Mauer in Berlin zu diesem Zeitpunkt noch stand, kann man im Grunde genommen sagen, dass die Mauer zuerst in Prag fiel“, so Huber.

Wenig Erwähnung fand in der Presse die Tatsache, dass bis in den Monat November hinein die Prager Botschaft immer noch Anlaufadresse für DDR-Bürger war, die in die Bundesrepublik flüchten wollten. „Das war alles sehr aufregend“, meinte Hermann Huber.


Schade, dass man seine Erinnerungen (noch) nicht in Buchform nachlesen kann.


Wir – die Q12 – fanden den Vortrag äußert anschaulich, denn er hat uns einen sehr guten Eindruck dieser Zeit verschafft. Wir danken ihm und seiner Frau sehr herzlich, dass sie sich die Zeit genommen haben, um uns die dramatischen Vorgänge von 1989 näher zu bringen.



Caroline Koch und Sonja Oppenländer, ITG, Q 12